• 25.03.2024

»KI & Co. – Wie arbeiten Bausachverständige morgen?«

Nachlese zur 12. Fachtagung »Der Bausachverständige« am 15.03.2024 in Stuttgart

Am 15. März 2024 kamen im Fraunhofer-Institutszentrum IZS in Stuttgart knapp 100 Teilnehmer und Teilnehmerinnen – auch online – zusammen, um spannenden Vorträgen über Zukunftsthemen der Bausachverständigentätigkeit zu lauschen.

Als besonderes Highlight stand diesmal am Vorabend eine Besichtigung des SWR-Fernsehturms Stuttgart mit Führung im Programm. Denn immerhin handelt es sich bei dem trotz seiner Höhe recht filigran anmutenden Bauwerk um den weltweit ersten Fernsehturm seiner Art. Die Führung begann vor dem Turm mit vielen Zahlen und Fakten zu seiner Entstehung. Warum kippt der 217 Meter hohe Turm bei starkem Wind nicht um? Und was hat eine »Samba-Socke« mit dem Turmschaft zu tun? Auf diese und viele weitere Fragen gab die Turmführung Antwort und die Teilnehmenden erfuhren viele Anekdoten über die Entstehung des Bauwerks.

Nicht alle Stuttgarter hatten zu Baubeginn daran geglaubt, dass der erste Turm mit einer Stahlbetonkonstruktion tatsächlich halten würde. Heute steht er immer noch und ist auf dem Weg zum Weltkulturerbe. Alsdann folgte die Besichtigung des einzigartigen Fundaments und später von der Aussichtsplattform in luftiger Höhe, 150 Meter über dem Erdboden, ein eindrucksvoller Rundblick über Stuttgart in alle Himmelsrichtungen.

Ansicht des Stuttgarter Fernsehturms von außen und innen sowie Ausblick vom Turm über Stuttgart

Unsere 12. Fachtagung widmete sich in sechs Fachvorträgen ganz den Zukunftsthemen. Dabei konnten die Teilnehmenden entdecken, wie die Digitalisierung der Arbeitswelt die Gutachtenerstellung verändert und welche Chancen sie dabei bereithält. Ferner konnte man live erleben, wie Künstliche Intelligenz (KI) bereits heute die Arbeit im Sachverständigenbüro nachhaltig unterstützen kann, auch wenn die zugehörige Software noch am Anfang steht.

Links: Chefredateur Thomas Altmann moderiert die 12. BauSV-Tagung, rechts: Ansicht des Vortragssaals im Fraunhofer-Institutszentrum Stuttgart


Den Einstieg lieferte Jakob Stöber, Lead Consultant bei Pexon, mit seinem Vortrag »Künstliche Intelligenz in der Schadenanalyse«. Nach etwas »Vokabeltraining« mit wichtigen Begriffen rund um KI ging es ans Eingemachte, u. a. bei der auch am Bau besonders wichtigen Bilderkennung, die dabei unterstützt, Objekte und Fehler in Bildern zu erkennen. Hier kann KI z. B. im Rahmen von Fotoanalysen bei der Erkennung von Feuchtigkeit und Schimmelbefall helfen. KI-Systeme beinhalten dabei aber auch ein Maschinenlernen (Machine Learning), d. h. ein »Lernen«, ohne explizit darauf programmiert zu sein, wobei – wie im menschlichen Gehirn – ein Lernen auch durch unterschiedliche Abstraktionsebenen stattfindet und so die Möglichkeit bietet, neue Inhalte zu generieren. Im Sachverständigenbüro bietet dies schon heute Anwendungsfälle bei der Bilderkennung, der Informationsbeschaffung sowie der Textzusammenfassung oder bei der Übersetzung in Fremdsprachen.

Wie es um die »Zukunft der öffentlichen Bestellung« bestellt ist, erläuterte alsdann Axel Rickert vom DIHK Berlin. Die Gerichte müssen sich auf den Sachverstand verlassen, um Recht zu sprechen. Daher ist die öffentliche Bestellung nach wie vor wichtig. Hierfür muss geeigneter qualifizierter Nachwuchs gefunden werden. Neben der Möglichkeit zur »qualifizierten Zertifizierung« von Sachverständigen bietet die öffentliche Bestellung als einzige Qualifizierung mit der »besonderen Sachkunde« eine gesetzlich vorgegebene Grundlage. Zur Sicherung der Attraktivität der öffentlichen Bestellung gibt es aber auch Hilfe durch die Bestellungskörperschaften, u. a. durch Angebote zur Unterstützung bei der Digitalisierung im elektronischen Rechtsverkehr, bei der Nutzung des Akteneinsichtsportals sowie bei der Möglichkeit der elektronischen Gutachtenerstattung oder der Digitalisierung von Ortsterminen mit virtuellen Besichtigungen. Ein digitaler Rundstempel kann helfen, die Fälschungssicherheit von Gutachten in der digitalen Welt zu schützen.

Danach erklärte Martin Schauer, Sachverständiger für Elektrotechnik aus Würzburg, was es mit der Cybersicherheit in der Gebäudetechnik als Thema für Bausachverständige auf sich hat. Die Einfallstore für Cyber-Gefahren in der vernetzten Gebäudetechnik ergeben sich bereits aus dem drahtlosen Zugriff von außen auf WLAN-Router, den BOS-Funkdienst für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben oder die KNX-Gebäudesystemtechnik. Hierbei verwies er auf die Hinweispflichten des Sachverständigen an Bauherren und Bauleitung sowie auf die Möglichkeit, besondere Pflichtenhefte zu erstellen, vor allem, weil im Hinblick auf Sicherheitstechnik dezidierte Normen hierfür vorliegen.

Der Bausachverständige im BIM-Prozess war das nächste Thema, über das Dipl.-Ing. Hinrich Münzner, MBA, referierte. Welche Chancen bietet ein BIM-Modell als »digitaler Zwilling« für Bausachverständige? Dort bestehen alle Möglichkeiten, die Unterlagen für das Projekt zu finden. Die Menge an Datensätzen, die Bausachverständige dabei durchsehen müssen, steigt dabei stetig. Die Integration der Schadenanalyse im BIM-Prozess erfordert eine Datenstrukturierung, die objektbasierte Verwaltung von Daten sowie den Import von ergänzenden Daten. Insoweit ist die Analyse der Daten zugleich auch die Datenbasis für eine entsprechende Sanierung. Weiterführende Informationen findet man auf dem Portal »BIM Deutschland« als zentrale Anlaufstelle rund um das Thema BIM.

Im Anschluss wurde es mit dem elektronischen Rechtsverkehr mit den Gerichten juristisch, aber alles andere als trocken. Über E-Akte, E-Postfach & Co. referierte Rechtsanwältin Katharina Bleutge, Justiziarin des Instituts für Sachverständigenwesen e. V. Welche Regelungen gelten und für wen? Nach § 130a ZPO können Gutachten als elektronische Dokumente bei Gericht eingereicht werden. Wie kann nun der Sachverständige sicher mit den Gerichten kommunizieren?

Nach einer Darstellung der Grundlagen des elektronischen Rechtsverkehrs in der ZPO und in den Sachverständigenordnungen folgte eine Übersicht über die wesentlichen E-Justiz-Themen für Sachverständige. Hierbei stellte sie das Projekt des Akteneinsichtsportals vor. Dort können aber nur Akten eingesehen, jedoch keine Nachrichten an die Gerichte gesendet werden. Ein weiterer Punkt war daher der Versand von Sachverständigenleistungen über sichere Übermittlungswege an die Gerichte wie z. B. das elektronische Bürger- und Organisationenpostfach (eBO), die Nutzung von DE-Mail, ein Nutzerkonto mit BundID nach Onlinezugangsgesetz (OZG) oder »Mein Justizpostfach«. In diesem Bereich gibt es also viel Bewegung und Neuerungen, wobei eine passive Empfangspflicht für Sachverständige im Einzelfall noch zu klären ist.

Nach wie vor gibt es Technologieunterschiede in den einzelnen Bundesländern und auch von Gericht zu Gericht. Gegenwärtig sind entgeltliche Lösungen für digitale Übermittlung noch nicht gesondert nach dem JVEG abrechenbar, sondern fallen unter die »Gemeinkosten«. Ihre Empfehlung lautete daher, »Mein Justizpostfach« einmal auszuprobieren.

Rechtsanwältin Katharina Bleutge am Vortragspult


Einen praxisnahen Schlussvortrag hielt Jens Kestler über das Thema »KI & Co. im Sachverständigenbüro«. Mit Augenzwinkern und viel Humor führte er durch die aktuellen Softwarelösungen und Programme, die für Sachverständige verfügbar sind und die bereits praktische Hilfestellungen bieten bei der Abfassung, Umformulierung oder Übersetzung von Texten. Zunächst stellte er eine Auswahl verfügbarer Chat-Bots vor, wie ChatGPT 3.5, ChatGPT 4.0, Google Gemini, Microsoft Copilot und DeepL Write.

Spätestens im Live-Vergleich konnte man deutlich erkennen, dass die Zukunft der Sachverständigentätigkeit bereits begonnen hat, auch wenn die vorgestellten Anwendungen für KI zurzeit noch in den Kinderschuhen stecken. Die meisten Programme waren zum Zeitpunkt der Fachtagung gerade einmal ein Jahr alt. Im Vergleich der verschiedenen Anwendungen konnte man sich im Rahmen der Live-Beispiele einen Eindruck davon verschaffen, welches Potenzial Künstliche Intelligenz bei der Erstellung und Formulierung von Gutachtentexten, der Einbindung und Auswertung von Bildmaterial oder bei der Übersetzung der Gutachten in Fremdsprachen bieten kann.

Jens Kestler während seines Vortrags


Nach den Vorträgen konnten die Teilnehmenden − auch online über den Chat − Fragen stellen und mit den Referenten diskutieren. Neu war die Möglichkeit für die Aussteller, sich vor den Pausen mit einem kurzen »Elevator-Pitch« auch den Online-Teilnehmern vorzustellen. Die Möglichkeit zum Besuch der Fachausstellung vor Ort bot, neben dem persönlichen Kontakt, auch die Gelegenheit zum kollegialen Austausch bei nahrhaften Stärkungen, Erfrischungsgetränken und Kaffee.

Fachausstellung vor dem Vortragssaal im Fraunhofer-Institutszentrum Stuttgart


Auch im kommenden Jahr werden wir wieder eine Fachtagung mit speziellen Themen rund um die Tätigkeit der Bausachverständigen veranstalten. Über inhaltliche Anregungen und Themenwünsche freut sich die Redaktion jederzeit.

 


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